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Der Wert des Zufalls
Im Rahmen einer Semesterarbeit an der Universität der Künste zum Thema »Risiko« entstand dieses Projekt über eine Größe, die sich unseren Berechnungen und Planungen konsequent entziehen will: den Zufall. 

Wir kreierten das Setting für ein Experiment, um Zufall herauszufordern, seine Entwicklung nachzuverfolgen und in Dialog mit verschiedenen Menschen zu treten. Auf einem Flohmarkt verkauften wir 100 Zufälle in Kisten, die sich in vier Kategorien unterteilen ließen: »entscheidend« (Fotos, Musikstücke etc.), »assoziativ« (Objekte), »geografisch« (Kartenausschnitte, Verweise auf Orte etc.) »sozial« (Treffpunkte, Kinokarten etc.). Die Zufallskäufer zogen zunächst eine mit einer Nummer versehene Kugel und erhielten dann »zufällig« die dazugehörige Kiste. Der Preis für den Zufall durfte selbst bestimmt werden. In jeder Zufallskiste befand sich außerdem ein Text mit der Bitte, uns via Email, Facebook oder auf einer Voicemailbox über das Erlebte zu berichten. Durch diesen Ablauf wurden zwei Arten der Wertermittlung möglich: der symbolische in Euro gemessene Wert und der tatsächliche »Wert des Zufalls« in Form der sich aus ihm entwickelten Geschichte.
Jahr
2012

In Zusammenarbeit mit
Miriam Kadel

Entstanden an der
Universität der Künste
Berlin, Infoklasse,
Prof. David Skopec
Leistungen
Datenerhebung 
Animation
Fotografie
Editorial Design
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Wir erhielten über 50 überwiegend positive und mitunter erstaunliche Reaktionen zurück. Es gab Menschen, die Hinweise auf Orte bekommen hatten – etwa Quedlinburg oder New York – und diese in der Folge bewusst besucht hatten. Uns erreichten viele Geschichten und Berichte über Assoziationen, Gedanken, Erinnerungen, die bei den Zufallskäufern durch die erstandenen Gegenstände ausgelöst wurden. Zwei Beispiele: Den Zufall »Nummer 46« erstand ein amerikanischer Professor für Modernism and Cultural Studies an der Wayne State University in Detroit. Seine Kiste enthielt das Foto eines Datums – passenderweise war er gerade in Deutschland, um eine Lektüre über die »Poesie des Datums« zu halten. Er veröffentlichte einen ausführlichen Essay über unser Projekt. Ein weiterer Zufall enthielt eine Kinokarte. Der Käufer kam aus Südamerika und sprach kein Deutsch, besuchte aber dennoch die Vorstellung mit freier Platzwahl – um dort neben einem Mann zu sitzen, der dieselben Schuhe wie er trug: Aesics 6 Gel Evolution. Die beiden gingen im Anschluss etwas trinken, um festzustellen, dass beide Ärzte sind und dass der Zufallskäufer lange in Island gelebt hatte, wo seine Bekanntschaft demnächst einen Job annehmen würde. Dieser wiederum hatte lange in Afrika gelebt, wo unser Zufallskäufer kurz darauf hingezogen ist.

Auch wenn mit dem Projekt keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt werden soll, trägt die Erhebung und Systematisierung der Informationen zu einer qualitativen Messbarkeit und Dokumentation eines zufälligen Geschehens bei. Das Experiment ermöglichte uns, dem Zufall auf explorative Weise zu begegnen und an authentische Daten, Reaktionen, Emotionen zu kommen, die in einem offenen System aus Briefumschlägen zusammengefasst sind. Eine Broschüre dokumentiert das Experiment und enthält Infografiken, die über die zurückgelegten Wege der Zufälle und die symbolische Wertermittlung berichten.

 

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© Isabel Kronenberger, 2021